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Im Namen von Demokratie und Frieden
Rede von Malalai Joya in Deutschland

17. – 21. September 2007

Liebe Freunde, zuallererst möchte ich der Fraktion der Linken und dem Deutschen Bundestag für die Einladung nach Deutschland zwecks Unterrichtung des deutschen Volkes über die derzeitige Tragödie in meinem weinenden Heimatland Afghanistan danken.

Vor sechs Jahren griffen die USA und ihre Verbündeten Afghanistan im Namen der Befreiung Afghanistans und der afghanischen Frauen an. Wochen nach dem Sturz des Taliban-Regimes erklärte Laura Bush stolz: „Dank unserer jüngsten Erfolge in den größten Teilen Afghanistans werden die Frauen nicht länger in ihren Häusern eingesperrt.“ Und vor wenigen Tagen äußerte Donald Rumsfeld in einem Interview: „In Afghanistan sind 28 Millionen Menschen frei.“

Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, wie unehrlich und falsch eine solche Aussage vor dem Hintergrund des Bankrotts der amerikanischen Politik in Afghanistan ist.

Lassen Sie mich, anstatt zu detailliert auf die Frauenrechtskatastrophe in Afghanistan einzugehen, einige schockierende Beispiele nennen, die die schreckliche Lage der afghanischen Frauen deutlich machen:
  • Die Zahl der Selbstmorde afghanischer Frauen infolge von Armut und fehlender Gerechtigkeit war in Afghanistan nie so hoch wie heute. In einem Krankenhaus in Herat gab es in sechs Monaten 46 Fälle von Selbstverbrennung;
  • die 18jährige Samiya erhängte sich mit einem Strick, weil sie an einen 60jährigen Mann verkauft werden sollte. Eine andere Frau namens Bibi Gul schloss sich im Stall ein und verbrannte sich selbst. Ihre Familie fand später nur noch ihre Knochen;
  • UNIFEM zufolge sehen 65 % der 50.000 Witwen in Kabul und Tausende von Frauen im ganzen Land Selbstmord als einzigen Ausweg aus ihrem Elend und ihrer Trostlosigkeit;
  • über 95% der afghanischen Frauen sind depressiv;
  • alle 28 Minuten stirbt in Afghanistan eine Frau bei der Entbindung;
  • afghanische Frauen haben nur eine Lebenserwartung von 44 Jahren;
  • Mädchen werden in Afghanistan wie eine Währung gehandelt und Zwangsehen sind üblich. Umfragen zufolge handelt es sich in 80 % aller Fälle um Zwangsverheira-tungen;
  • die 11jährige Sanobar wurde von einem Warlord entführt, vergewaltigt und dann gegen einen Hund eingetauscht; in der Provinz Badakhshan wurde eine andere Frau von 11 Kämpfern vergewaltigt; die 14jährige Fatima, ihre Mutter und die 11jährige Rahime wurden vergewaltigt … und diese Liste ließe sich um Hunderte von Vorfällen ergänzen, die in der Regel nicht angezeigt werden;
  • einer OXFAM-Studie zufolge besucht nur eines von fünf Mädchen die Grundschule und nur eines von 20 Mädchen weiterführende Schulen;
  • am 17. Juni 2007 wurde im Bericht des amerikanischen Außenministeriums über Menschenhandel Afghanistan unter den Ländern aufgeführt, in denen der Frauen- und Kinderhandel zwecks sexueller Ausbeutung zunimmt.
Diese Liste zeigt nur die Spitze des Eisbergs hinsichtlich der derzeitigen katastrophalen Lage der afghanischen Frauen. Jede Art von Verbrechen und Brutalität wird gegen Frauen verübt; in ganz Afghanistan herrscht jedoch Straflosigkeit und niemand wird für solche Verbrechen verfolgt.

Zwar haben einige Frauen in Kabul und einigen Städten Zugang zu Bildung und Beschäftigung, die Lebensbedingungen der Frauen in den ländlichen Gegenden sind jedoch schlimmer denn je. Die westlichen Medien versuchen zu verbreiten, dass das Engagement der Amerikaner in Afghanistan den Frauen einige Rechte gebracht hat, die sie in der Geschichte Afghanistans nie genossen haben. Das ist aber falsch. Lassen Sie mich einen Teil eines Artikels der New York Times vom 8. November 1959 zitieren:

„Die Frauen Afghanistans heben den Schleier; eine neue Welt der Freiheit – sowohl geistiger als auch bekleidungsmäßiger Freiheit – wird den Frauen dieser muslimischen Nation nach Jahrhunderten abgeschiedenen Lebens eröffnet.“

Liebe Freunde, sechs Jahre nach den Angriffen auf Afghanistan unter der Führung der USA liegt unser verwüstetes Land noch immer in den Ketten der fundamentalistischen Warlords. Wie bewusstlos tut es seine letzten Atemzüge. Die Regierung Bush übergab die Macht an Menschen, die sich in der Vergangenheit als Mörder und Plünderer bewährt haben, und genauso finster, böse und grausam wie die Taliban sind.

Die westlichen Medien sprechen über Demokratie und die Befreiung Afghanistans, aber die USA und ihre Verbündeten fördern Warlords, Kriminalisierung und Drogenbarone in unserem verwundeten Land und haben durch ihre massiven Militäroperationen bisher Tausende unschuldiger Zivilisten getötet, ohne in ihrem Krieg gegen die brutalen Taliban wesentliche Fortschritte zu erzielen.

Die einzigen Bereiche in Afghanistan, in dem beispiellose Fortschritte zu verzeichnen sind, sind der Drogenanbau und –handel. Den VN zufolge produziert Afghanistan weltweit 93 % des Opiums, das seinen Weg leicht bis auf die Straßen von New York findet. Die Mail schrieb am 21. Juli 2007: „Die vier größten Akteure im Heroingeschäft sind allesamt ranghohe Mitglieder der afghanischen Regierung.“

Es wird Sie überraschen zu erfahren, dass General Daoud, der Leiter der Abteilung für Drogenbekämpfung im afghanischen Innenministerium, selbst ein berühmter Warlord und Drogenhändler ist. Und diese schmutzigen Drogengeschäfte nehmen zu, obwohl internationale Geber der afghanischen Regierung nahezu 100 Millionen Dollar für die Drogenbekämpfung zur Verfügung gestellt haben.

Eine Mafia ist an der Macht und wird vom Westen unterstützt. Vor wenigen Tagen erklärte der afghanische Bauminister Yousif Pashtun, Tausende Hektar Land seinen von mächtigen Männern besetzt worden und man könne nichts tun, da die Mafia daran beteiligt sei, und er nannte Qasim Fahin (ein Mitglied des Oberhauses, ehemaliger Stellvertreter von Karzai) als Kopf der Land-Mafia.

Unter solchen Umständen, d.h. wenn die Feinde des Volkes an der Macht sind, ist das Leben für die ganze Nation und vor allem die Frauen eine Qual. Die Menschen können die Situation nicht länger ertragen, und die Taliban und Nachbarländer wie der Iran, Pakistan und Russland etc. nutzen diese Lage aus.

Die Taliban führen weiterhin ihr faschistisches Regiment in den östlichen Teilen Afghanistans, wo die Regierung keine Kontrolle hat; sie nehmen öffentliche Hinrichtungen vor und entführen Menschen. Der Fall der 23 koreanischen Geiseln hat uns erst kürzlich gezeigt, wie mächtig die Taliban sind. Wieder wurden dieser terroristischen Bande für die Freilassung der Geiseln 20 Millionen Dollar gezahlt, die sie gegen das afghanische Volks einsetzen werden.

Afghanistan hat in den letzten Jahren Milliarden Dollar an Hilfen erhalten, aber dieses Geld ist den Menschen nicht zugute gekommen. Ich will nur darauf hinweisen, dass noch immer nur 2 % der Afghanen Strom haben. Jüngsten Zahlen der von der Regierung geführten Unabhängigen Menschenrechtskommission Afghanistans zufolge leben 60 % der Afghanen mit einem Einkommen von nur 1 Dollar pro Tag unterhalb der Armutsgrenze.

Die sogenannten „freien Medien“ in Afghanistan werden von den Afghanen als weiterer Witz gesehen. Reporter werden im letzten Jahr zunehmend eingeschüchtert und schikaniert und das Parlament der Warlords versucht, auch die Freiheit der Presse einzuschränken.

Die afghanische Regierung ist die korrupteste und unpopulärste der Welt. Im März 2007 deckte eine Umfrage von Integrity Watch Afghanistan auf, dass etwa 60% der Afghanen denken, dass die derzeitige Regierung korrupter ist als jede andere in den beiden letzten Jahrzehnten.

Liebe Freunde, meine leidenden Mitmenschen wurden in den letzten sechs Jahr wahrhaft betrogen; die USA interessieren sich für das Leid und die katastrophalen Lebensbedingungen unseres Volkes nicht. Es liegt im strategischen und wirtschaftlichen Interesse der USA, die Afghanen in Gefahr zu bringen, solange dies ihren eigenen Interessen in der Region entspricht.

Leider wollen sich übrigen Verbündeten der USA einschließlich Deutschland nicht gegen die falschen Politiken der Amerikaner wenden und folgen der amerikanischen Regierung bedingungslos. Wenn irgendeine Regierung oder Institution wirklich Anteil an dem Leid und der katastrophalen Lage unserer Menschen nimmt, sollte sie den Mut haben, eine Politik gegen unsere fundamentalistischen Terrorbanden aller Art zu beschließen und Gruppen und Einzelpersonen unterstützen, die sich für die Demokratie und die Freiheit einsetzen.

Zweifellos braucht Afghanistan internationale Unterstützung, um auf der richtigen Weg zu gelangen und den eigenen Wiederaufbau zu beginnen, aber wir wollen keine Besetzung. Die Afghanen blicken auf eine lange Geschichte des Widerstands gegen ausländische Invasoren zurück. Heute stehen eindeutig Invasoren in Afghanistan und die ausländischen Truppen spielen mit dem Schicksal des afghanischen Volks und opfern es für ihre eigenen Interessen.

Die Geschichte beweist, dass keine Nation eine andere befreien kann. Es ist die Pflicht unseres eigenen Volkes und liegt in seiner Verantwortung, für seine Freiheit zu kämpfen und Demokratie herbeizuführen. Die Menschen anderer Länder können uns dabei nur eine helfende Hand reichen, ganz nach der bekannten Redensart: „Niemand kann dir Freiheit geben, niemand kann dir Gleichheit oder Gerechtigkeit oder irgendetwas anderes geben. Wenn Du ein Mann bist, dann nimm sie dir.“

Eine Invasion durch ausländische Truppen ist keine Lösung für die katastrophale Lage in Afghanistan. Ein andauernder und bleibender Frieden kann durch die Anstrengungen unseres eigenen Volkes erzielt werden, selbst wenn es länger dauert.

In der derzeitigen Lage, in der die USA eine Gruppe von Mördern bewaffnet und an die Macht gebracht hat, könnte, wenn die ausländischen Truppen Afghanistan verlassen, wieder ein Bürgerkrieg in Afghanistan ausbrechen, da beide Seiten (die Taliban und die Regierungstruppen) voll bewaffnet sind und von ausländischen Staaten unterstützt werden. Aber ich denke, die Gefahr eines Bürgerkrieges kann so gering wie möglich gehalten werden, wenn sie ernsthaft die folgenden Punkte bedenken:
  • Die Nordallianz muss von der Macht entfernt und gründlich entwaffnet werden, genauso wie der Warlord Ismael Khan vor ein paar Jahren entwaffnet wurde, und nicht durch Verfahren wie DDR und DIAG, die seltsam und nutzlos sind.
  • Die internationale Gemeinschaft und die VN müssen Länder wie Pakistan, Iran, Russland, Usbekistan etc. genau beobachten und davon abhalten, den Taliban oder der Nordallianz Waffen und Unterstützung zukommen zu lassen.
  • Sie müssen die demokratisch gesinnten Kräfte und Einzelpersonen in Afghanistan, die jahrzehntelang unterdrückt wurden, ermutigen und unterstützen, damit sie als eine Alternative für Afghanistan auf den Plan treten können.

Viele Afghanen denken, dass die USA den gegenwärtigen Zustand in Afghanistan erhalten möchten, um ihre lange Präsenz in der Region zu rechtfertigen und Afghanistan zu ihrer Basis für die Überwachung und Kontrolle der zentralasiatischen Republiken, Chinas, des Iran und anderer asiatischer Mächte zu machen.

Ich denke, wenn diese Truppen nicht freiwillig abziehen, dann werden sie sich in der Zukunft mit dem Widerstand des afghanischen Volks konfrontiert sehen. Momentan ist die amerikafeindliche Stimmung sehr ausgeprägt, da unsere Menschen durch die langen Jahre des Konflikts politisches Bewusstsein erworben haben. Sie wissen dass die USA für die gegenwärtige Tragödie in Afghanistan verantwortlich sind.

Ich möchte nachdrücklich betonen, dass die Lage in Afghanistan und die Lebensbedingungen seiner vom Unglück verfolgten Frauen sich nie zum Positiven wenden werden, so lange die Warlords nicht entwaffnet und sowohl die amerikafreundlichen als auch die amerikafeindlichen Terroristen von der politischen Bühne in Afghanistan entfernt wurden.

Die freiheitsliebenden und demokratisch gesinnten Gruppen und Einzelpersonen Afghanistans werden unterdrückt und von keiner Seite unterstützt; daher sind sie jetzt sehr schwach. Zwar haben nach meiner Überzeugung die Feinde meines Volkes die Waffen, die politische Macht und die Unterstützung der US-Regierung, um mich zu unterdrücken, sie können mich aber niemals zum Schweigen bringen und die Wahrheit verbergen.

Die friedensliebenden Menschen und die Institutionen in Deutschland müssen die Fakten erkennen und die demokratisch gesinnten und friedensliebenden Gruppen und Einzelpersonen Afghanistans, die in der Lage wären, Terrorismus und Fundamentalismus die Stirn zu bieten und sie zu bekämpfen, unterstützen und stärken. Ihre Solidarität und Unterstützung stärken meine Entschlossenheit, die Feinde von Demokratie und Menschlichkeit in meinem verwüsteten Afghanistan zu bekämpfen.

Die Fundamentalisten wollen mich vernichten; ich glaube aber an das Wort des freiheitsliebenden iranischen Schriftstellers Samad Behrangi: "Der Tod kann mich jetzt sehr leicht holen, doch solange ich leben kann, darf ich mich nicht von selbst in seine Arme stürzen. Sollte ich ihm jedoch eines Tages begegnen, was ganz bestimmt der Fall sein wird, dann ist es nicht wichtig. Wichtig allein ist, welchen Wert mein Leben oder mein Tod für das Leben hat ..."

Vielen Dank.

Weitere Informationen:
www.malalaijoya.com