Interview mit Heike Hänsel zu den „Montagsmahnwachen“

»Sie sind auf der Suche nach Erklärungen«
Über rechte Tendenzen bei den »Montagsmahnwachen« und arrogante Argumentationsmuster von Teilen der Linken.
Ein Gespräch mit Heike Hänsel
Interview: Claudia Wangerin
Heike Hänsel ist Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke und unterzeichnete den Appell »Für eine solidarische Auseinandersetzung mit den Montagsmahnwachen«

Obwohl es in Ihrer Partei umstritten ist, unterzeichneten Sie mit Fraktionskollegen und linken Einzelpersonen aus anderen Gruppen einen Appell für eine solidarische Auseinandersetzung mit den als »neurechts« verschrieenen »Montagsmahnwachen« für den Frieden. Fehlen für deren Teilnehmer aus Ihrer Sicht klassisch linke Angebote, sich gegen einen drohenden Krieg einzusetzen?
Ich denke, man muß einfach differenzierter mit den Leuten umgehen, die da auf die Straße gehen. Das ist eine vielfältige Mischung. Damit meine ich sowohl die Veranstalter in verschiedenen Städten als auch die Menschen, die dort ihre Empörung vor allem über den drohenden Krieg in der Ukraine, über die Politik der EU oder auch die manipulative Medienberichterstattung ausdrücken wollen. Viele sind auf der Suche nach alternativen Informationen und Erklärungen. Mehr und mehr Leute merken: Was ihnen erzählt wird, stimmt so nicht. Aber viele sind ansonsten politisch noch unbedarft. Deshalb kann ich aber längst nicht alle im rechten Lager verorten. Das wird der Situation nicht gerecht, es ist unseriös. Andererseits darf ich keine Erklärungsmuster bedienen, die nach rechts anschlußfähig oder verschwörungstheoretisch sind. Da ist politische Aufklärung durch Linke gefragt.

Beim Stichwort »Verschwörungstheorie« wird Leuten, die das mit rechtem Gedankengut oder Irresein in Verbindung bringen, oft entgegengehalten, daß es auch Beispiele für Verschwörungspraxis gibt. Ist der Sprachgebrauch grundsätzlich falsch?
Mit dem Begriff muß man natürlich seriös umgehen. Wenn aber Erklärungsmuster gebraucht werden, wie etwa, daß hinter allen Übeln die Federal Reserve Bank in den USA stehe – und vielleicht noch speziell »jüdisches Kapital« – dann bedient das auch antisemitische Denkschablonen. Gewollt oder ungewollt. Andererseits muß es möglich sein, Interessen zu benennen: Warum etwa die USA jahrelang ukrainische Nichtregierungsorganisationen finanziert haben, wie die CIA agiert und die EU mit viel Geld versucht, dort die öffentliche Meinung zu dominieren. Das halte ich nicht für verschwörungstheoretisch. Es ist der Versuch, imperiale Politik zu erklären.

Erbitterte Gegner der Montagsdemos haben viel zwischen den Zeilen gelesen und »verkürzte Kapitalismuskritik« unter den Generalverdacht des Antisemitismus gestellt. Ist das Hauptproblem, daß manche Linke marxistische Erklärungen von Leuten erwarten, die sich gerade erst politisieren?
Was die Veranstalter der Montagsdemos betrifft, würde ich nicht überall Unbedarftheit unterstellen. Das ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. In Stuttgart gibt es zum Beispiel eine klare Abgrenzung gegen rechte Ideologie. In manchen anderen Städten gibt es Organisatoren, die vielleicht auch eine bewußte Tendenz nach rechts haben. Das gilt wiederum nicht für alle Teilnehmer. Sie erwarten Erklärungen für Dinge, über die sie sich zu Recht aufregen – und dort fehlen Linke, die das Gespräch suchen. Teilweise ist es mir zu arrogant, wieviel Wissen und Erfahrung von manchen Linken vorausgesetzt wird – bei Menschen, die gerade merken, daß etwas nicht stimmt, die sich auch von den öffentlich-rechtlichen Medien manipuliert fühlen. Diesen Bedarf gibt es – und offenbar haben hier die Linke und die klassische Friedensbewegung versagt. Sie dürfen aber nicht einfach das Feld räumen. Wenn jemand eine Rede mit rechten Tendenzen oder abwegigen Verschwörungstheorien hält, dann kann ich doch dagegen halten.

In welcher Form?
Es ist ja in einigen Städten gelungen, einen Grundkonsens zu formulieren, der rechte und antisemitische Positionen ausschließt. Dort ist mit den jungen Veranstaltern diskutiert worden. Sie kooperieren jetzt mit klassischen Friedensgruppen und waren auf den Ostermärschen. Einzelne Leute wurden von ihnen aber auch ausgeschlossen. Was Berlin betrifft, weiß ich von dem Beschluß, sich von Jürgen Elsässer zu distanzieren.

Es fällt auf, daß maßgebliche Organisatoren die Unterscheidung zwischen links und rechts für überholt halten. Dieses Mantra hat gerade Elsässer betont, als er dort noch als Redner auftrat. Wie würden Sie in einfachen Worten erklären, warum die Unterscheidung nicht überholt ist?
Weil natürlich die Perspektive der Arbeitenden, der Lohnabhängigen und Ausgebeuteten nicht überholt ist. Es gibt ein Oben und ein Unten – weltweit. Diese Perspektive ist wichtig, weil sonst wieder nach Nationalität bewertet und eingeteilt wird, wie in der Europapolitik Deutsche gegen Griechen ausgespielt werden. Linke treten für ein menschenwürdiges Leben unabhängig von der Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung ein.
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